Die Zeugen Jehovas - Mit einem „lila Winkel“ stigmatisiert

Die Zeugen Jehovas, damals als „Ernste Bibelforscher“ bekannt, gehörten zu den Religionsgemeinschaften, die vom NS-Regime verfolgt wurden und ausgerottet werden sollten. (1) Sie war die einzige Glaubensgemeinschaft, die sich dem nationalsozialistischen Staat bedingungslos verweigerte. Die etwa 25.000 Mitglieder verweigerten unter anderem den Heil-Hitler-Gruß und den „Wehrdienst“ und wurden dafür unerbittlich verfolgt. (2 S. 125) 


Hier ein kurzer Abriss der Ereignisse:


Schon ab April 1933 gab es für diese Glaubensgemeinschaft „Betätigungsverbote in vielen Ländern des Reiches“. Bald folgten erste Einweisungen von Zeugen Jehovas in die frühen Konzentrationslager. Obwohl sich die Religionsgemeinschaft mit juristischen Mitteln bemühte, die Verbote aufheben zu lassen, erwiesen sich diese Bemühungen als zwecklos: Im Jahr 1934 waren schon rund 1.000 Zeugen Jehovas verhaftet worden. 1935 legte die Gestapo Richtlinien für die „Schutzhaft“ von Bibelforschern und ihre KZ-Einweisung fest. Um gegen die Zeugen Jehovas besser ermitteln zu können, bildeten im Jahr 1936 Gestapo und Kriminalpolizei Sonderkommandos, zur selben Zeit wurden bei den Sondergerichten Sonderdezernate eingerichtet. (1)


Im Jahr 1937 wies der Minister des Inneren Polizei und Justiz an, „mit den schärfsten Mitteln“ gegen Zeugen Jehovas vorzugehen. Rund 4.000 Gläubige wurden verhaftet, es kam zu zahlreichen „Bibelforscherprozessen“. Viele Kinder isolierte man von ihren Eltern, in den Konzentrationslagern kamen Zeugen Jehovas in die „Strafkompanie“. Am 20. Juni desselben Jahres folgte die zweite reichsweite Verteilung eines Protestflugblattes durch die Gläubigen. (1)

"Lila Winkel", Urheber. Fibonacci, Quelle: Wikiemedia Commons, Lizenz: gemeinfrei
"Lila Winkel", Urheber. Fibonacci, Quelle: Wikiemedia Commons, Lizenz: gemeinfrei

Im Jahr 1938 kam es mit der Veröffentlichung von Verfolgungsberichten in dem Buch „Kreuzzug gegen das Christentum“ zu einem Höhepunkt, als eine Initiative der Zeugen Jehovas die Menschen im In- und Ausland über den NS-Terror aufzuklären versuchte.

 

 

In den KZ’s wurde die Häftlingsgruppe dieser Religionsgemeinschaft durch einen „lila Winkel“ stigmatisiert.

 

Nach Kriegsbeginn konnten Wehrdienstverweigerer zum Tode verurteilt werden: Über 250 Todesurteile wurden jetzt an Zeugen Jehovas vollstreckt. Am 12. 06. 1940 fand eine reichsweite Verhaftungswelle statt, wobei die Gestapo gleichzeitig zahlreiche Wohnungen von Zeugen Jehovas durchsuchte. Trotz Hinrichtungen von Funktionären konnten 1941 im Untergrundwerk der Zeugen Jehovas weiterhin „Wachtturm“-Schriften vervielfältigt und landesweit zur internen Verteilung gebracht werden. (1)


Im Jahr 1942 bekräftigte Hitler, dass man Bibelforscher „ausrotten“ müsse. Dennoch kam es „zu einer relativen Verbesserung der Situation der KZ-Häftlinge“, weil „die SS ihren wirtschaftlichen Einsatz zu fördern“ begann. 1944 sprengte die Gestapo innerhalb und außerhalb der KZ’s Untergrundnetze der Zeugen Jehovas und ließ Funktionäre hinrichten. Nach dem Ende der Nazi-Diktatur begannen viele Überlebende, die Gemeinden neu aufzubauen. Insgesamt waren cirka 8.000 deutsche Zeugen Jehovas inhaftiert, etwa 1.500 Zeugen Jehovas im In- und Ausland mussten durch Verfolgungsmaßnahmen oder deren Folgen ihren Glauben mit ihrem Leben bezahlen. (1) 



Die Überwachung einer Nürtinger „Bibelforscherin“

 

In welchem Umfang Jehovas Zeugen ihren Glauben in Nürtingen ausübten, ist bislang nicht bekannt. Auch der Pfarrbericht von 1936 erwähnt die „Ernsten Bibelforscher“ nicht. (3) Es konnte aber die Aussage in einer Spruchkammerakte von 1946 gefunden werden, in der der Bruder einer Bibelforscherin, Walter S. (1902 bis 1987) (5), über die Ereignisse im Jahr 1938 in der Nürtinger Wohnung seiner Schwester berichtete: 


Seine Schwester Marta S. (1893 bis 1944) (5) soll als Haupt und Seele der hiesigen religiösen Sekte der „Ernsten Bibelforscher“ zahlreichen Verfolgungen und Belästigungen ausgesetzt gewesen sein. „Seit 1936 wurde sie politisch überwacht“, berichtete er. An einem Tag im August 1938 besuchte er, ein Lehrer aus Stetten a. H.,  seine Schwester in Nürtingen. In ihrer Wohnung traf er zwei Beamte der Geheimen Staatspolizei aus Stuttgart an. „Diese waren eben im Begriff, meine Schwester wegen politischer Betätigung ,im Sinne der verbotenen Sekte der Ernsten Bibelforscher’, wie sie sagten, zu verhaften und ins KZ-Lager Dachau zu verbringen.“ Nachdem er sich vorgestellt hatte, teilte er den Beamten mit, dass sich Marta S. „in keiner Weise politisch betätigen und ihre Besuche von Kranken und alten Notleidenden aus reinem menschlichen Empfinden der Nächstenliebe geschähen“. In Gegenwart der Beamten gab seine Schwester das Versprechen ab, „jegliche Verbindung mit früheren Glaubensgenossen und jeder religiösen Betätigung im Sinne der Ernsten Bibelforscher für die Zukunft zu entsagen.“ Daraufhin „sahen die beiden Beamten vorläufig von einer Verhaftung ab“. (4) Im Jahr 1944 (5) starb Marta S. an den Folgen einer Operation. „Noch auf ihrem Schmerzenslager wurde sie von den Organen der NSDAP aufgesucht und bei Hausdurchsuchungen Bücher religiösen Inhalts beschlagnahmt“, berichtete Walter S. abschließend in seiner Aussage vor der Spruchkammer. (4)


 - Bei dieser Aussage handelte es sich um das eigene Spruchkammerverfahren gegen Walter S. infolge seiner NS-Mitgliedschaft, bei dem es ihm um seine Entlastung ging. Seine Schwester, die 1944 verstarb, konnte deshalb zu diesem Zeitpunkt die Richtigkeit dieser Angaben nicht mehr bestätigen. 


Quellen:

1. J. Wrobel, Kurzchronik zur Verfolgung der Zeugen Jehovas (Bibelforscher) im NS-Regime, in: G. Besier/ C. Vollnhals (Hg), Berlin 2003, S. 379f

2. W. Benz, Geschichte des Dritten Reiches, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Band 377, Verlag C.H. Beck, München, 2000, ISBN 978-3-89331-449-2

3. StANT, Info Dezember 2014

4. StALB, EL 902/17, Bü 3875, Blatt 90 vom 18.11.1946

5. StANT, Auszug Familienbuch 




Januar 2015, Anne Schaude, Nürtingen