Auf Spurensuche im „Badischen“

Nur wenige Lebensdaten sind bekannt von der in Nürtingen geborenen Karoline Marie S.. Hier eine Auflistung:

Erinnerung an die Nürtinger "Euthanasie"-Opfer, gestaltet von Schülerinnen des Max-Planck-Gymnasiums Nürtingen, Foto: Manuel Werner
Erinnerung an die Nürtinger "Euthanasie"-Opfer, gestaltet von Schülerinnen des Max-Planck-Gymnasiums Nürtingen, Foto: Manuel Werner
"Assunta" (Mariä Himmelfahrt) im Park der Hub. Foto A. Schaude
"Assunta" (Mariä Himmelfahrt) im Park der Hub. Foto A. Schaude

Im Herbst 1878
wurde Karoline Marie S., geborene E., in Nürtingen geboren. (1) Sie war das siebte und letzte Kind ihrer Eltern Johann Heinrich und Catharine Louise E., geborene F., die 1863 in Nürtingen geheiratet hatten. Der Vater, Schreiner von Beruf, war „Württemberger durch Abstammung“. (2)

Am 17. 12. 1936
kam Marie S. in die badische Pflegeanstalt Hub. (1) Ihr Unterstützungswohnsitz war Karlsruhe (3) Weder im Kreisarchiv Rastatt noch im Stadtarchiv Karlsruhe können im Jahr 2014 Spuren ihres Lebens ausfindig gemacht werden. Einwohnermeldedaten liegen für Karlsruhe kriegsbedingt nicht vor. Ihre Akte im Bundesarchiv in Berlin enthält nur ein Blatt. Darauf ist aber vermerkt, dass Marie S. gemeinsam mit ihrem Mann in der Hub untergebracht war. Er, dessen Name, hier nicht aufgeführt ist, starb 1937. (4)


Am 18. 07. 1940
wurde sie in Grafeneck getötet (1)

 

Lt. einer Statistik wurden im Monat Juli 1940 in Grafeneck mehr als 1.200 Menschen vergast, im Jahr 1940 waren es insgesamt etwa 10.000 Menschen.(5) 

 

Der 28. 07. 1940
ist das offizielle Sterbedatum von Marie S., das in Grafeneck beurkundet wurde. (4) Um Nachforschungen von Angehörigen zu unterbinden, gehörten gefälschte Beurkundungen vom Todesdatum zum Alltag in den Tötungsanstalten. Nicht nur die Opfer selbst, sondern auch die Erinnerungen an sie, sollten gründlich ausgelöscht werden.

Karoline Marie S. wurde 61 Jahre alt.

 

Detail eines Stolpersteins, Foto: User:Enslin, Lizenz:  Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported
Detail eines Stolpersteins, Foto: User:Enslin, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Schutzlos ausgeliefert - 526 Patienten der badischen Pflegeanstalt Hub wurden in Grafeneck getötet

Gedenkplatte im Park der Hub, Foto: Anne Schaude
Gedenkplatte im Park der Hub, vergrößerbar, Foto: Anne Schaude

Mit 240 Kranken und Behinderten fing 1873 die Geschichte der „Kreispflegeanstalt für Schwache, Bedürftige und Kranke“ in Hub, einem Ortsteil von Ottersweier im Landkreis Rastatt, an.

 

Zuvor hatte auf diesem Gelände in der Ortenau ein Heilbad, das Huberbad, existiert.

 

In den folgenden Jahrzehnten kamen weitere Gebäude und Ausbauten hinzu, um die immer größer werdende Zahl von Pfleglingen in der Hub aufnehmen zu können.

 

1931 war mit mehr als 900 Bewohnern der Höhepunkt der Belegung erreicht.

Von Februar 1940 bis Februar 1941 wurden 526 Patienten aus der Kreispflegeanstalt Hub nach Grafeneck deportiert und dort vergast. Im Vergleich zu den damals in Mittelbaden bestehenden Anstalten war dieses die größte Zahl von Opfern der Euthanasie. Der Transport vom 18. 07. 1940, zu dem die in Nürtingen geborene Marie S. gehörte, war der neunte aus Hub mit insgesamt 51 Patienten. (7, S. 110f) Für die hohe Zahl von 526 ermordeten Patienten soll auch der damalige Direktor Dr. Otto Gerke (1878 in Hannover geboren, S. 123) mit verantwortlich gewesen sein. Er, der 1937 der NSDAP beitrat, äußerte seine Neigung zum Studium der erb- und rassenhygienischen Fragen in seinem Buch über die Geschichte der Hub: „... Gegen den vielen unseligen Minderwertigen von Geburt und Vererbung, gegenüber diesen Untermenschen, die sozusagen ,zum Leben verurteilt’ sind und die nie wertvolle Mitmenschen werden können, gibt es gewisse Grenzen des Mitleids. ...“ (7, S. 117f)

Er soll von Anfang an bereitwillig die Aktion T4 unterstützt haben. Zeugen sagten 1948 aus, dass Dr. Gerke vermutlich häufig arbeitsfähige Bewohner der Hub auf die Transporte schickte. (S. 115ff) So soll er die Meldelisten allein zusammengestellt haben und bei allen Transporten anwesend gewesen sein, angeblich „um seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht zu viel zu belasten.“ (S. 120). Dazu Oberpflegerin Rosa Merz 1948: „Ich habe nicht bemerkt, dass Gerke damals irgendetwas unternommen hätte, um Anstaltsinsassen vor einer Verlegung zu retten.“ Da, wo andere Anstaltsleiter mit mehr oder weniger großem Erfolg ihre Schützlinge vor dem sicheren Tod zu schützen versuchten, soll der Arzt Dr. Gerke dem Verwaltungsapparat der Nazis nachgegeben und so den Massenmord unterstützt haben. (S. 125f) Dr. Otto Gerke starb im Februar 1943 an einer Embolie. (7, S. 119)

Im Park des Kreispflegeheims Hub erinnert die Bronzeplastik "Assunta" (Mariä Himmelfahrt) an die 526 Patienten der Hub, die 1940/ 41 nach Grafeneck deportiert und dort ermordet wurden. Eine dieser Pat
Im Park des Kreispflegeheims Hub erinnert die Bronzeplastik "Assunta" (Mariä Himmelfahrt) an die 526 Patienten der Hub, die 1940/ 41 nach Grafeneck deportiert und dort ermordet wurden. Eine dieser Patienten war Marie S.. Foto A.Schaude

Der Autor Adalbert Metzinger im Jahr 2012:

 

Die Einstellung und das Handeln von Gerke während der Euthanasiemaßnahmen in der Hub sollte uns Mahnung sein, dass die Tötung von geistig, psychisch und körperlich behinderten Menschen nicht einfach aus der Erinnerung verdrängt werden darf.

 

Auch heute noch sind Ausgrenzungsmechanismen wirksam, die Menschen mit Behinderung treffen. Damals wie heute geht es im Kern um eine Wertbestimmung des Menschen.“ (S. 126)

 

Seit 2001 erinnert im Park der Hub die Bronzeplastik „Assunta“ (AS: Mariä Himmelfahrt) an die 526 in Grafeneck ermordeten Patienten dieser Pflegeeinrichtung. (7, S. 120)

 

Eine dieser Patienten war Marie S.

Inschrift Gedenkstein Grafeneck, Foto: Anne Schaude, Mai 2013
Inschrift Gedenkstein Grafeneck, Rahmen zusätzlich zugefügt, Foto: Anne Schaude, Mai 2013

Quellen:

 

  1. Gedenkbuch Grafeneck, Februar 2014
  2. StANT, Familienregister NT, Band I
  3. Kreisarchiv Rastatt 1/ Hub B 1
  4. StANT, Geburtsregister Nr. 160/ 1878
  5. Hrgb. Klee, E., Dokumente zur Euthanasie, 1985, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/ Main, ISBN 978-3-596-24327-3) S. 233
  6. Barch, Info Mai 2014
  7. Hrsg. Martin Walter, Die Hub, Geschichte und Gegenwart einer einzigartigen Einrichtung, Kreisarchiv Rastatt, Band 10, Casimir Katz Verlag, 2012, ISBN 978-3-938047-63-7

 

Text: Anne Schaude, Nürtingen, alle Rechte vorbehalten! Stand: August 2014

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