In Grafeneck vergast

Auch mindestens zwölf NürtingerInnen unter den Opfern

von Anne Schaude, Nürtingen

Schloss Grafeneck, 28.03.2012, Foto: Unterillertaler, Wikimedia Commons, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported
Schloss Grafeneck, 28.03.2012, Foto: Unterillertaler, Ausschnitt, Wikimedia Commons, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Am 14. Oktober 1939 wurde Grafeneck, ein Behindertenheim der evangelischen Samariterstiftung Stuttgart, von den NS-Machthabern beschlagnahmt und in wenigen Wochen zur Tötungsanstalt umgebaut. Die „Landes-Pflegeanstalt Grafeneck“ war die erste Einrichtung in Deutschland, in der die Nationalsozialisten ihr „Euthanasie“-Programm durchführten. Bis Dezember 1940 wurden Behinderte und psychisch Kranke aus Anstalten in Württemberg und Hohenzollern, Baden, Bayern, Hessen und vom Niederrhein nach Grafeneck deportiert. Von ihnen fanden mindestens 10.654 in einer stationären Gaskammer den Tod. Ihre Leichen wurden verbrannt, die Asche verstreut, die Spuren ihres Lebens verwischt, die Verbrechen vertuscht. Nichts sollte mehr an die Opfer und Täter erinnern.

Gedenkstätte Grafeneck, Foto: Anne Schaude, Mai 2013
Gedenkstätte Grafeneck, Foto: Anne Schaude, Mai 2013

 

Seit einigen Jahren nun wird dieses grauenhafte Kapitel der deutschen Geschichte aufgearbeitet und erforscht. (1 hinterer Einband)

Mit lediglich drei Monaten Vorlauf – September bis Dezember 1939 – begannen im Januar 1940 die „Euthanasie-Morde“ in Grafeneck. Parallel dazu wurden die Anstalten und Einrichtungen des Reiches erfasst, dann ebenfalls ab September 1939 die Patienten und Bewohner der Anstalten. Gezielt wurden vier Gruppen der in den Anstalten befindlichen Personen in die Meldebogenaktion einbezogen, die man treffender als Selektion bezeichnen kann:

  • Personen, deren Arbeitsfähigkeit eingeschränkt war
  • Personen, die länger als fünf Jahre in einer Anstalt weilten
  • Personen, die gerichtlich in eine Anstalt eingewiesen waren
  • Personen, die „nicht deutschen oder artverwandten Blutes“ waren, was sich im Regelfall auf Menschen jüdischer Religionszugehörigkeit bezog.

 

Die Einrichtungen, denen dieser Meldebogen zuging, ahnten zu diesem frühen Zeitpunkt nicht den Zweck dieser Erhebung. Die meisten Einrichtungen im südwestdeutschen Raum erledigten pflichtgemäß die vom Reichsinnenministerium gemachten Auflagen. Nahezu reibungslos funktionierte dies in den staatlichen Heil-und Pflegeanstalten in Württemberg und Baden. (1 S. 73f) Im Juni 1940 wurde die Zentralleitung für das Stiftungs- und Anstaltswesen vom Württ. Innenminis-terium aufgefordert, „in den von Ihnen betreuten Anstalten, diejenigen geisteskranken, epileptischen und schwachsinnigen Pfleglinge namentlich festzustellen, die dort auf öffentliche Kosten untergebracht sind“. (1 S. 85) Jedem einzelnen Transport, der Menschen in die Gaskammer von Grafeneck führte, ging eine direkte Anordnung aus den Innenministerien in Württemberg und Baden voraus. (1 S. 87) Formaljuristisch war Grafeneck durch das Reichsleistungsgesetz, das mit Kriegsbeginn in Kraft getreten war, beschlagnahmt. Die Übergabe hatte am 31. Oktober 1939 stattgefunden. Der Beginn der Euthanasie-Morde in Grafeneck war am 18. Januar 1940 mit den ersten Patienten-Verlegungen aus einer bayrischen Heil-und Pflegeanstalt. (1 S. 91f) Die Anstalten des Württ. Landesfürsorgeverbandes wurden allesamt ... in der zweiten Jahreshälfte 1940 mit den Verlegungen konfrontiert. (1 S. 105f)

Der Schuppen in Grafeneck, in dem die "Euthanasie"-Opfer vergast wurden. Foto: Anne Schaude, Motiv aus der Ausstellung in Grafeneck
Der Schuppen in Grafeneck, in dem die "Euthanasie"-Opfer vergast wurden. Foto: Anne Schaude, Motiv aus der Ausstellung in Grafeneck

Ein Plan des Geländes der Tötungsanstalt Grafeneck mit den Tötungseinrichtungen ist hier auf einer Akte im Staatsarchiv Sigmaringen zu sehen. Er kann auf der verlinkten Seite größer gezoomt werden.

In alten Militärmänteln zum Tötungsgebäude

Denkmal der grauen Busse, Standort: Berlin - Tiergartenstrasse 4, Foto: Tom Benz-Hauke, Lizenz:  Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Germany
Denkmal der grauen Busse, Standort: Berlin - Tiergartenstrasse 4, Foto: Tom Benz-Hauke, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Germany

Von Grafeneck aus fuhren drei Busse der Gemeinnützigen Kranken Transport GmbH (Gekrat) in die Anstalten. Die anfänglich roten, dann grauen Busse wurden mit Milchglasscheiben versehen. Durch eine Kabinenwand getrennt, wurden sie von einem Fahrer und einem Beifahrer gesteuert. Außerdem begleiteten Pflegepersonen die Transporte, die den Kranken Beruhigungsspritzen geben, sie aber auch an besonderen Vorrichtungen festschnallen oder in Handschellen legen konnten. In einem PKW vorneweg fuhr der Transportleiter, der die Liste mit sich führte, nach welcher die Patienten in der Abgabeanstalt ausgesucht worden waren. Auf dem Rückweg hatte er auch die Krankenakten bei sich (1, S. 110). In Grafeneck angekommen, führte man die Patienten den Ärzten zur letzten Untersuchung vor, in den meisten Fällen dauerte die Untersuchung nur wenige Sekunden bis zu einer Minute. Sie diente in der Regel nicht dem Zweck einer nochmaligen Überprüfung des Krankheitszustandes, um auf diese Weise eine letzte Auswahl zu treffen, sondern sie wurde dazu benutzt, die sachliche und personelle Richtigkeit der vorgestellten Kranken zu überprüfen und auffallende Kennzeichen zu notieren, die für die Erstellung einer späteren Todesursache von Bedeutung sein konnten. Den Opfern wurden alte Militärmäntel übergeworfen, dann ging es durch ein Tor im Bretterzaun, vorbei am Krematorium, zum Tötungsgebäude. Die Ermordung erfolgte durch Kohlenmonoxyd-Gas, das der Anstaltsarzt durch Bedienen eines Manometers in den Vergasungsraum einströmen ließ. Beim Betreten dieser Kammer wurden die Kranken, maximal 75 Personen, nochmals gezählt, sodann die Tore geschlossen. Anfangs schienen einige Opfer noch geglaubt zu haben, es gehe tatsächlich zum Duschen, andere begannen sich im letzten Augenblick zu wehren und schrien laut. Die Zufuhr des Gases betrug in der Regel zwanzig Minuten, sie wurde eingestellt, wenn sich im Vergasungsraum keine Bewegung mehr feststellen ließ. Geraume Zeit nach der Vergasung öffneten Hilfskräfte, die Gasmasken trugen, die Flügeltore der Kammer. Das Personal, das die Krematoriumsöfen bediente, war auch zuständig für den Abtransport der Leichen zum Verbrennungsort (1, S. 113f).

In die Formulare wurden fiktive Todesursachen, wie beispielsweise Lungenentzündung, eingetragen. Auch das Sterbedatum entsprach in den wenigsten Fällen den realen Tatsachen. Da die Patienten in der Tötungsanstalt im Regelfall am Tag ihres Eintreffens ermordet wurden, wurden die Daten gefälscht, um eine Häufung zu vermeiden. Zusammen mit der Todesursache wurde an die Angehörigen ein Beleidsschreiben verschickt, dessen Einheitswortlaut besagte, dass der Tod für den Betreffenden eine Erlösung dargestellt habe. Die Leichen waren, wie es hieß, aus „seuchenpolizeilichen Gründen“ verbrannt worden. In den meisten Trostbriefen wurde den Angehörigen die Möglichkeit gegeben, die sterblichen Überreste ihres Familienmitglieds in einer Urne auf einem Friedhof zugestellt zu erhalten, wenn ein solcher angegeben wurde. In diesem Fall entstanden den Angehörigen nur die Kosten der Beisetzung, die Übersendung der Urne wurde aus Reichsausgleichsmitteln bezahlt. „Wenn Angehörige der in Grafeneck verstorbenen Toten eine Urne angefordert haben, so wurde eben auch eine Urne mit irgendwelcher Asche weggeschickt“ (1, S. 125ff).

Namentlich bekannt sind zwölf NürtingerInnen, die 1940 in Grafeneck umgebracht wurden:

 Grafeneck, Foto: Anne Schaude, Mai 2013
Grafeneck, Foto: Anne Schaude, Mai 2013

Nicht alle Opfer sind heute namentlich bekannt


Als Versuch das Verbrechen geheim zu halten, kann auch der Aktenaustausch unter den Tötungsanstalten gelten. So ist es in zahlreichen Fällen überliefert, dass Todesurkunden und Beileidsschreiben von in Grafeneck Ermordeten aus Brandenburg, Sonnenstein/ Pirna oder Hartheim bei Linz verschickt wurden (1, S. 125). Im Dezember 1940 wurde das Vernichtungslager Grafeneck geschlossen. Die Frage nach den Gründen für den Abbruch der Krankenmorde im Südwesten lässt sich nicht eindeutig beantworten. In den Blick kommen mehrere Motive:

 

  • das im Verlauf des Jahres 1940 zunehmende Wissen um die als „Geheime Reichssache Grafeneck“ stattfindenden Morde und damit das Scheitern aller Geheimhaltungsbemühungen
  • die vielfältigen Proteste von Angehörigen, Anstalten, Kirchen sowie aus den Reihen der NSDAP und schließlich
  • organisierte Überlegungen der Täter in Berlin und Stuttgart, Grafeneck nach über 10.600 Morden zu schließen, da die selbst gesteckten Ziele für den deutschen Südwesten Ende 1940 erreicht schienen (1, S. 159).
Inschrift Gedenkstein Grafeneck, Foto: Anne Schaude, Mai 2013
Inschrift Gedenkstein Grafeneck, durch Anklicken wird die Inschrift besser lesbar, Foto: Anne Schaude, Mai 2013

Ganz präzise nennen die Unterlagen die Zahl von 10.654 Opfern –

Männer und Frauen,

alte Menschen,

Erwachsene,

Jugendliche und Kinder.

 

Nach über sechzig Jahren sind 7.000 dieser Opfer wieder namentlich bekannt. 

 

Ein Opferbuch hält ihre Namen fest.

 

Sie stammten aus dem gesamten heutigen Bundesland Baden-Württemberg und weit darüber hinaus

Gedenk- und Namensbuch Schloss Grafeneck, Foto: TheFlixx, Wikimedia Commons, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported
Gedenk- und Namensbuch Schloss Grafeneck, Foto: TheFlixx, Wikimedia Commons, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Sie wurden ausgelöscht und ihre Individualität negiert, weil sie nicht den Nützlichkeitskriterien der Täter und vielleicht auch der Zuschauer dieses Verbrechens genügten: Unnütze Esser, Defektmenschen, Ballastexistenzen, so das Vokabular der Zeit und nicht nur der NS-Zeit. Die Opfer waren Menschen mit geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung, denen eine geringe Leistungs- und Arbeitsfähigkeit attestiert wurde, Menschen, die von der Justiz als unzurechnungsfähig oder gemeinschaftsunfähig erklärt waren, Menschen, die als Langzeitpatienten galten, Menschen, die als Juden nicht den rassischen Normen genügten. Alle hatten sie gemein, dass sie in Anstalten waren und damit der Volksgemeinschaft in ihrem „Existenzkampf“, dem Krieg, hinderlich waren. Allein in Württemberg und Baden waren 40 Anstalten von den „Euthanasie“-Morden betroffen. Was die nackten Zahlen verschweigen, sind die Begleitumstände und das Leid, das den einzelnen Opfern widerfuhr: Wie gingen, zum Beispiel, die Abtransporte vonstatten, welche Tumulte spielten sich ab (1, S. 137)?


Nur wenige Täter wurden bestraft

Die Reaktionen auf die Krankenmorde sind vielfältig und decken ein breites Spektrum möglicher Verhaltensformen und Mentalitäten. Ein weitgehend unerforschtes Kapitel stellt in diesem Zusammenhang das Verhalten der Angehörigen dar. Das Wissen über die Tötungen in Grafeneck war weit über die Anstaltsmauern hinaus, in manchen Fällen wohl sogar von außen nach innen gedrungen.  Wie viele Angehörige wussten oder ahnten vom drohenden Schicksal, das den Patienten zugedacht war? Wer wusste von der möglicherweise auch noch so geringen Chance, Patienten nach Hause zu holen? Wie viele verzichteten bewusst auf diese Option, wie viele wurden vom Tod ihres Angehörigen vollkommen überrascht? All dies lässt sich vermutlich nicht mehr klären (1, S. 147).

Reaktionen und Proteste von Angehörigen sind überliefert, auch der meist vergebliche Versuch mancher Einrichtung, das Leben der ihnen anvertrauten Menschen zu retten. Diese Bemühungen sind nachweisbar, die Zivilcourage und der Mut einzelner Menschen beeindruckend (1, S. 159f). Bei Kriegsende ordneten die leitenden Medizinalbeamten die Vernichtung derjenigen Akten an, die sich auf die planwirtschaftlichen Maßnahmen und damit auf die Verlegung nach Grafeneck bezogen. Nur ein kleiner Teil der Täter wurde nach dem Krieg vor Gericht gestellt und bestraft. Die meisten kehrten in die Gesellschaft zurück, aus der sie gekommen waren (1, S. 175).

Gedenk- und Namensbuch Schloss Grafeneck, Foto: TheFlixx, Wikimedia Commons, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported
Gedenk- und Namensbuch Schloss Grafeneck, Foto: TheFlixx, Ausschnitt, Wikimedia Commons, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Wo liegt Grafeneck?

Text: Anne Schaude, Stand: 29. Dezember 2013, alle Rechte vorbehalten!

 

Zitiervorschlag: Anne Schaude (2013): In Grafeneck vergast. Auch mindestens zwölf NürtingerInnen unter den Opfern, in: Nürtinger Opfer nationalsozialistischer Verfolgung.

Website der Gedenkinitiative für die Opfer und Leidtragenden des Nationalsozialismus in Nürtingen: http://ns-opfer-nt.jimdo.com, abgerufen am: XY.YX.20XY.

 

Quelle:
(1) Thomas Stöckle, Grafeneck 1940, Die Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland, Silberburg-Verlag, Tübingen 2002 (Ausgabe im StANT vorrätig)

 

 

Mit dem abgebildeten Icon, der funktionell auf dem schwarzen Hintergrund der Website unten ganz rechts zu finden ist, gelangt man mit einem Klick wieder ganz nach oben.

Bildlizenzen:

 

Manche Fotos auf dieser Unterseite sind unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported lizenziert, kurz.

 

Alle Fotos, bei denen Fotograf oder andere Rechteinhaber angegeben sind, und die nicht einer Creative Commons-Lizenz unterliegen oder in public domain sind, sind anders urheberrechtlich geschützt, alle Rechte vorbehalten!.

Daneben gibt es einige Fotos und Abbildungen, die eine Wikimedia Commons-Lizenz haben (Creative Commons Lizenz). Hierfür sind wir nicht die Rechteinhaber. Sie dürfen unter gewissen Bedingungen von jedem verwendet werden. Die bei den Fotos angegebenen Lizenzen werden über diese Links genauer erklärt: eine CC-BY-SA-Lizenz ist z.B. die Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany oder Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 UnportedGenaueres zur Lizenzierung siehe hier.